Zwischen strengem Reglement und freier Entfaltung : Die ersten Kapellmeister der kurbrandenburgischen Hofkapelle in der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg

Giese, Detlef GND

Dass es vornehmlich die Kapellmeister sind, die einem Klangkörper Gesicht und Stimme geben, gilt für die Gegenwart gleichermaßen wie für die Geschichte. Der jeweilige Stelleninhaber ist einerseits eingebunden in seine vertraglichen Verpflichtungen, besitzt andererseits aber auch gewisse Freiheiten, im Rahmen bestimmter Möglichkeiten seinen Tätigkeitsbereich für sich selbst zu definieren. Die Erwartungshaltungen der wechselnden Dienstherren wandeln sich ebenso wie das politisch-gesellschaftliche, institutionelle und allgemein kulturelle Umfeld, in der die administrative und künstlerische Arbeit des Kapellmeisters angesiedelt ist. Die Wirkung und Ausstrahlungskraft, welche die Protagonisten hierbei entfalten, sind wichtige Gradmesser für die Bedeutung sowohl der Person als auch der Institution im regionalen wie überregionalen Maßstab. Für die Frühzeit der kurbrandenburgischen Hofkapelle sind zumindest die Namen einiger Kapellmeister überliefert, die als empirische Individualitäten fassbar werden. Dem ersten namentlich bekannte Amtsträger Johann Wesalius, der bereits in den 1570er Jahren an der Spitze des Ensembles stand, kommt in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit und Interesse zu, desgleichen Musikern wie Johannes Eccard und Nikolaus Zangius, die in den ersten beiden Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts zu den respektablen, im Falle von Eccard sogar zu den prominenten, bis heute immer noch wertgeschätzten deutschen Komponisten ihrer Zeit zählten. Obwohl sie an jeweilige Rahmenbedingungen materieller wie personeller Art gebunden waren, besaßen sie doch ausreichend Räume zur eigenen Entfaltung, um sich künstlerisch zu profilieren. Auf der anderen Seite steht eine strenge Reglementierungen der Aufgaben und Aktivitäten von Seiten der Regenten, die nicht selten einengend wirkten, zumal die Ressourcen über den betrachteten Zeitraum von 1570 bis ca. 1620 in unterschiedlicher Weise vorhanden waren bzw. zur Verfügung gestellt wurden. Offensichtliche Tendenzen zur sukzessiven Vergrößerung, Spezialisierung und Professionalisierung der kurbrandenburgischen Hofkapelle werden trotzdem deutlich, zugunsten der Entwicklung eines quantitativ wie qualitativ beachtlichen Ensembles am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges, der die Mark Brandenburg extrem in Mitleidenschaft ziehen sollte. Die Kapelle und ihre Kapellmeister blieben davon nicht verschont ‒ wobei nach dem Tiefpunkt nach der Mitte des 17. Jahrhunderts wieder ein Aufstieg folgte.